Karte Marzahn-Hellersdorf

Projektstudie

Ist eine „SERVICESTELLE FÜR BERUFLICHE TEILHABE" ein geeignetes Instrument, um im Bezirk Marzahn-Hellersdorf den lnklusionsgedanken unter dem Aspekt der selbstverständlichen Teilhabe behinderter Bürger am Erwerbsleben zu entwickeln?

Projektstudie "Berufliche Teilhabe" - Ausgangssituation

Mit Stand 31.12.2011 lebten in Marzahn-Hellersdorf insgesamt 249.232 Einwohner/-innen. (251.879 Einwohner mit Stand 31.12.2012). Unter ihnen befanden sich 41.903 Menschen mit Behinderungen ab einem GdB von 20. Die Gruppe der behinderten Menschen umfasste 22.671 Frauen (54,1 %) und 19.232 Männer (45,9 %). Auch wenn es keine amtliche Aussage hinsichtlich des Anteils von behinderten Bürger/-innen mit Migrationshintergrund gibt, ist in Berücksichtigung der Altersstruktur (um 9,1 Jahre geringer als das Durchschnittsalter im Bezirk insgesamt) und weiterer Indikatoren davon auszugehen, dass sich hieraus keine eigenständige Problematik beschreibt.

Der Anteil der schwerbehinderten Menschen mit einem Grad der Behinderung von 50 und darüber umfasste 25.066 Einwohner/-innen (10,1%). Der Anteil schwerbehinderter Menschen im Alter von 25 bis unter 65 Jahren beträgt 50 %, der Anteil der Gruppe der ab 65-Jährigen ist mit 45 % geringer ausgeprägt.

Die Arbeitsmarktberichte der Agentur für Arbeit weisen nur die Schwerbehinderten aus. Deren Anteil betrug in 06/2013 mit 1.135 Menschen 6,2 % an den Arbeitslosen. (davon im SGB III 252 Menschen, im SGB II 883 Menschen). Zählt man die vielen Menschen mit Behinderung mit einem GdB < 50 hinzu, und jene, die nicht mehr arbeitslos gemeldet sind, sich aber durch die faktische Verschlossenheit des Arbeitsmarktes in eine volle Erwerbsminderungsrente „geflüchtet" haben, so ist die Situation für Menschen mit Handicap weitaus kritischer, als jetzt schon durch die hohe Zahl der arbeitslos gemeldeten (schwer)behinderten Menschen nachgewiesen.

Auch wenn entgegen dem Bundestrend in 2012 die arbeitslosen Schwerbehinderten in Berlin gesunken ist, weist die Realität des 1. Arbeitsmarktes in Marzahn-Hellersdorf wie auch bundesweit nach, dass erwerbsfähige Menschen mit Behinderungen bei der Suche nach einem Arbeitsplatz bzw. bei den Bemühungen um Wiedereinstieg in die Erwerbstätigkeit nach Arbeitslosigkeit mit vielfältigen strukturellen Benachteiligungen konfrontiert sind.

Projektstudie &quot;Berufliche Teilhabe&quot; - Eignung der Akteure

Die an der Antragstellung beteiligten lokalen Akteure sind seit Jahren als arbeitsmarktorientierte Beschäftigungsträger in der Förderung am Arbeitsmarkt benachteiligter Bevölkerungsgruppen tätig und verfügen dementsprechend auch über belastbare Erfahrungen im Erhalt, der Verbesserung, der Herstellung bzw. Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen bzw. von Behinderung bedrohten Menschen entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit. Die beteiligten gemeinnützigen Vereine beschäftigen aktuell 61 Mitarbeiter mit einem GdB (32 mit GdB 30, 7 mit GdB 40, 11 mit GdB 50, 8 mit GdB 60, 2 mit GdB 70,1 mit GdB 90), in den letzten 2 Jahren wurden mit Unterstützung dieser Träger 101 TN aus dem Rechtskreis des SGB II in ungeförderte Erwerbsarbeit vermittelt (2011-52, 2012-33, bis 10.07.2013-16), darunter auch 2 Mitarbeiter/-innen mit Behinderung (GdB von 40, 50).

Mit dieser Antragstellung sollen in Anerkennung der vorhandenen Angebote und Strukturen und in Ergänzung zu den Trägern der beruflichen Rehabilitation wie Berufsbildungswerken, Berufsförderungswerken, den Werkstätten für Menschen mit Behinderung sowie freien Trägern der Behindertenhilfe, unter Berücksichtigung des vorhandenen Restarbeitsvermögens für die Personengruppe der Menschen mit Behinderungen, neue Wege der beruflichen Teilhabe entsprechend der vorhandenen Präferenzen und Fähigkeiten aufgezeigt und erschlossen werden.

Projektstudie &quot;Berufliche Teilhabe&quot; - These

Durch eine verbindliche Einbindung der Zielgruppe in die Prozesse und eine ergebnisorientierten Vernetzung der im Bezirk behinderungspolitisch tätigen Akteure mit der Zielstellung, aktuelle Bedarfe, Potentiale und Anforderungen an die lokale Infrastruktur zu ermitteln, bestehende Angebote zu identifizieren, bereits vorhandene Strukturen zu stärken, ggf. auszubauen und gemeinsam ergänzende Angebote zu entwickeln, soll die Teilhabe der Menschen mit Behinderungen an Erwerbsarbeit nachhaltig optimiert und langfristig abgesichert werden. Die somit bewirkte Bündelung der Kompetenzen und Ressourcen (in Form von Fachwissen und Expertise etc.) der verschiedenen in diesem Bereich handelnden Akteure, hier insbesondere im Rahmen der Hilfen bei der Beschaffung eines Arbeitsplatzes, bei der Berufsvorbereitung, bei der beruflichen Qualifizierung und Weiterbildung, bei der betrieblichen Qualifizierung im Rahmen unterstützter Beschäftigung, sowie bei der Begleitung eines Wechsels in selbstständige Tätigkeit, vermag die (Wieder)Einstiegschancen schwerbehinderter Menschen im Arbeitsmarkt messbar zu verbessern.

Projektstudie &quot;Berufliche Teilhabe&quot; - Inklusive Arbeit im Selbstverständnis

Der Begriff lnklusion wird in Abgrenzung zum Begriff Integration benutzt. Während Integration bedeutet, Menschen nachträglich einzugliedern, bedeutet Inklusion allgemein das Einbeziehen von Teilen in und zu einem Ganzen. Im Zusammenleben heißt das, die Teilhabe von Einzelnen an einer Gemeinschaft zu ermöglichen sowie die Barrieren für eine solche Teilhabe zu erkennen und aktiv zu beseitigen. Inklusion bedeutet daher vor allem, die in einer Gemeinschaft vorhandenen Formen von Vielfalt zu erkennen, wertzuschätzen und zu nutzen. Dazu bedarf es einer Förderung inklusiver Kulturen, Strukturen und Praktiken, in denen die Zielgruppe von Beginn an aktiv und gleichberechtigt in die Prozesse eingebunden wird. Inklusion als Leitidee eines Gemeinwesens, welches die Verschiedenheit von Menschen anerkennen und einbeziehen will, ist ein durchaus realistischer und realisierbarer Anspruch. Die Umsetzung von Inklusion braucht genauso wichtig wie Geld die Bereitschaft der Gesellschaft, sich auf Inklusion einzulassen und Inklusion zu leben. Inklusion ist auch eine Einstellung oder Haltung. Inklusive Arbeit bedarf angesichts der vernetzten Themenvielfalt einer intensiven Auseinandersetzung mit ganz zentralen Fragestellungen.

Projektstudie &quot;Berufliche Teilhabe&quot; - Design der Projektstudie

Im Fokus „Erwerbsarbeit – inklusive Arbeit" sind aus bezirklicher Perspektive im Rahmen der Machbarkeitsstudie u.a. Antworten auf folgende Fragestellungen zu erbringen: Welche Unterstützungsbedarfe haben auf lokaler Ebene Menschen mit Behinderung im Bereich der Erwerbsarbeit; wer sind die handelnden Experten im Bezirk; was braucht es aus Sicht der Betroffenen an neuen und zusätzlichen Angeboten und Strukturen; welche Expertise ist vorzuhalten; wie lassen sich personenzentrierten Hilfen durchsetzen, welche langfristigen Bedarfe lassen sich im Bereich der regionalen Wirtschaft ermitteln und welche Möglichkeiten gibt es, um gemeinsam mit der Wirtschaft geeigneten Arbeitsplätzen zu eruieren bzw. zu generieren. Und es geht fernab vom Werkstattgedanken auch um die Planung neuer langfristiger Arbeitsgelegenheiten für Menschen mit Behinderung, die nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können, bisher jedoch durch die vorhandenen Maßnahmen oder Angebote fallen. Die Studie soll also durch das Aufwerfen und Beantworten dieser Fragestellungen untersuchen, ob eine „Servicestelle für berufliche Teilhabe" ein geeignetes Instrument und eine sinnvolle Ergänzung der lokalen Angebotsstruktur wäre, die den Bezirk Marzahn-Hellersdorf als ein Gemeinwesen in der Größenordnung einer Kommune wie Braunschweig auf dem Weg zu einer inklusiven Gesellschaft unterstützend zu begleiten vermag. Die bezirkliche Servicestelle – in welcher örtlichen Konkretion auch immer – sollte in der Umsetzung als Instrument und Einrichtung verstanden werden, die etwa in einer räumlichen Dimensionierung von 600 qm 5 bis 6 Arbeitsplätzen und allen Nutzerbedürfnissen zu entsprechen hat, verkehrsgünstig gelegen in der Nachbarschaft zu bezirklichen Wachstums- und Entwicklungsgebieten, Expertise zu bestimmten Themen und darauf abgestimmte Dienstleistungen und Produkte handlungspraktisch und barrierearm für die Nutzer vorhält. Die Servicestelle müsste den aktuellen Forschungsstand, Informationen und Daten in nutzbarer Form bereitstellen und die wichtigsten Dokumente zu den ausgewiesenen Themengebieten sammeln. In dieser Hinsicht könnte eine solche Einrichtung aus Sicht der Antragsteller helfen, für Menschen mit Behinderung Hürden der Teilhabe abzubauen, Potenziale zu entdecken und zu entwickeln und würde gleichzeitig auch allen interessierten Bürgern im Bezirk offen stehen, die sich in dieser Thematik einbringen wollen/können.

Projektstudie &quot;Berufliche Teilhabe&quot; - Themencluster

 

Ohne der Studie und der Beantwortung der in ihr aufgeworfenen Fragen vorgreifen zu wollen, lassen sich in der aktuellen lokalen lnklusions – Diskussion nachfolgende Schwerpunkte ausmachen, deren Bearbeitung sich jeder strukturelle Lösungsansatz, so auch eine „Servicestelle für berufliche Teilhabe" stellen muß:

1. Wie kann man Unternehmen, die ihre angestellten Arbeitnehmer trotz Eintritt einer Behinderung im Erwerbsverlauf weiterhin beschäftigen und danach behinderungsbedingte Veränderungen in deren Arbeitsbedingungen einleiten, bei den erforderlichen Umgestaltungsprozessen effizient unterstützen?

2. Wie lernen KMU, bzw. wie lassen sich KMU überzeugen, dass sie auch angesichts gesetzlich garantierter Schutzrechte und bürokratischen Aufwand, Neueinstellungen von aus der Arbeitslosigkeit kommenden schwerbehinderten Arbeitnehmer/-innen realisieren? Mit den in dieser Aufgabenstellung agierenden konkreten Strukturen wie bspw. dem Integrationsfachdienst oder Akteuren innerhalb verschiedenster Rehabilitationsprozesse sind dabei unterstützende, den Hauptleistungserbringer zugleich von Nebentätigkeiten entlastende Tätigkeiten zu identifizieren. Die Erschließung bestehender Optimierungspotentiale in kooperativer Zusammenarbeit unterstützt eine angemessene Ressourcenzuweisung angesichts knapper Mittel und eine Leistungserbringung zur richtigen Zeit im angemessen Umfang und mit erforderlichem Aufwand. Um in diesen vernetzten Zusammenhängen Orientierung zu finden, ist das Wissen um das Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren notwendig. Eine ganzheitliche Sicht der Dinge ist dabei sowohl der Weg als auch das Ziel.

3. Qualifizierung der Existenzgründungsberatung für Menschen mit Handicap unter dem Stichwort Passgenauigkeit in den Aspekten Ganzheitlichkeit in Form einer deutlich umfangreicheren Berücksichtigung der Gesamtlebensumstände, Personenzentriertheit, der stärkeren Fokussierung auf den sozialen Teilhabebedarf, einer Ressourcenorientierung, einer Bedarfsorientierung statt Maßnahmezentrierung bei einer generell stärkeren Beteiligung Betroffener. Auf der Basis individueller Fähigkeitsprofile und der Kenntnis konkreter Arbeitsplatzanforderungen können hier Reserven erschlossen werden.

4. Prüfung der Implementierungsmöglichkeiten eines Startup/Gründerzentrum für Menschen mit Behinderungen, auch mit einem Bezug zum Cleantech-Park.

Vor dem Hintergrund dieser 4 Themencluster beschäftigt sich die Projektstudie mit Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Handlungsspielräumen für die Initiierung inklusiver Prozesse im Bezirk, um hierdurch gleichsam einen Machbarkeitsnachweis zu erbringen, dass es über eine (Marzahn-Hellersdorfer) „Servicestelle für berufliche Teilhabe" (behinderter Menschen) und deren koordinierten und ergebnisorientiert aufeinander abgestimmten Aktivitäten besser gelingen kann, dass behinderte Menschen selbstbestimmt und gleichberechtigt mit anderen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen ihre Existenz durch Arbeit sichern können. Konkret, dass mit ihnen durch Empowerment, Aktivierung, Tagesstrukturierung, Training der Leistungsfähigkeit, Entwicklung von Arbeitsfertigkeiten, Eingliederung in Zuverdienstprojekten, Erprobung ihrer Fähigkeiten mittels Praktika ein Instrumentenkasten für den eigenen Weg aus der Grundsicherung zu ihnen möglichen Formen der Erwerbsbeteiligung aufgebaut wird. Es bedarf darüber hinaus einer Prüfung, ob Widersprüche zwischen dem Projektziel und bereits vorhandenen Erkenntnissen bestehen und ob ggf. der Ansatz einer Modifizierung bedarf. Es geht um eine Gewichtung von Vor­ und Nachteilen, um einen Vergleich von Problemlagen und Lösungsansätzen. Die hierbei zu nutzenden Methoden schließen leitfadengeführte Interviews mit Schlüsselpersonen ebenso ein, wie bspw. Expertenbefragungen und entsprechen damit dem in diesen Themenzusammenhängen angemessenen Standard.